Donnerstag, 13. August 2020

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Die EXTRASTUNDE

 

Die „Extrastunde“ ist ein lerntherapeutischer Ansatz, den die englische Waldorflehrerin Audrey McAllen entwickelt hat.
Sie geht von einer genauen Beobachtung der gesunden Entwicklung des Kindes und der natürlichen Bewegungsmuster aus und hat daraus Hilfen für Kinder und Jugendliche mit Lernschwierigkeiten entwickelt.
Grundlage ist die Menschenkunde Rudolf Steiners mit ihrer Beschreibung des Zusammenhanges von Seele und Geist mit der durch den physischen Leib vermittelten Orientierung im Raum.
Der Zusammenhang von Bewegungsentwicklung und Lernen ist heute durch vielfältige wissenschaftliche Forschungen bestätigt worden. Fehlen bestimmte Schritte der Bewegungsentwicklung, so fehlt die Grundlage für die Orientierung im Raum und in der Fläche, sowie für das Lernen.
Wichtig sind dabei z.B. die Rotationsbewegungen, in der Anthroposophie als Drehbewegungen bezeichnet, die der gesunden Verbindung von Seelischem und Leiblichem zugrunde liegen (Inkarnation des Astralleibes).
Auch wenn im Folgenden meist von Kindern gesprochen wird, ist die Extrastunde nicht auf ein bestimmtes Alter begrenzt. Gerade bei Jugendlichen, die ein erstes Bewusstsein für die erstaunlichen Veränderungen haben, die durch die Extrastunde möglich werden, bestehen große therapeutische Möglichkeiten, da der wenig dirigistische Ansatz der Extrastunde dem Freiheitsbedürfnis dieser Altersstufe entgegen kommt. Auch viele Therapeuten erleben im Erwachsenenalter an sich selber die harmonisierende und Sicherheit gebende Wirkung der Extrastunde.
Ein großes Anliegen dieses Ansatzes ist es, dass sich das Kind in der Extrastunde nicht als defizitär erlebt.
Es soll sich in seiner Beziehung zum Raum erleben und die Übungen sind weitgehend so konzipiert, dass der Lerntherapeut auf Korrigieren des Kindes verzichten kann und auch soll, da die Übung im Allgemeinen von selber zu einer Veränderung führt.

Ansatzpunkt für McAllen ist die Orientierung im Raum als Grundlage für die Orientierung in der Fläche, die alle Schüler in der Schule brauchen. Die Wahrnehmungs- und Bewegungsorganisation des Menschen sind die Bereiche, an denen McAllen ansetzt. Oft zeigt sich eine Harmonisierung des Atems, da sich darin ein Ausgleich zwischen den Abweichungen von der gesunden Entwicklung zeigt (Kurzatmigkeit und mangelnde Durchlüftung im weitesten Sinne).

 

Die erste Extrastunde

Bereits in der ersten Begegnung mit dem Schüler, der diagnostischen „ersten Extrastunde“ erlebt das Kind seine Beziehung zum Raum und bemerkt, dass der Extrastunden-Lehrer diese Beziehung wahrnimmt, ohne sie zu bewerten. Es ist geradezu ein Kennzeichen der Extrastunde, dass es bei den Reaktionen des Kindes kein „richtig“ und „falsch“ gibt. Vielmehr sind sie eine Aussage über das Kind und damit in sich stimmig. Außerdem geht es nicht darum, bestimmte Kriterien abzutesten, sondern Hinweise zu erhalten und Fragestellungen zu entwickeln, die der Lerntherapeuten in tieferen Kontakt zum Kind und seiner Problematik bringen.
Ziel der ersten Extrastunde ist es, dass für den Lehrer bzw. Lerntherapeuten ein inneres Bild vom Kind entsteht, welches ihm hilft, mit dem Kind so zu arbeiten, dass es seinen Weg finden kann. Dazu dienen verschiedene Aufgaben, die der Lerntherapeut dem Kind stellt, wobei man Zeichnungen bzw. Bilder und Bewegungsübungen unterscheiden kann.


Einige Beispiele:

Das Mensch-Haus-Baum-Bild
Das Mensch-Haus-Baum-Bild ist sicherlich das bekannteste Verfahren, um etwas über das Kind zu erfahren. Allerdings ist es wichtig, dass zuvor eine spezielle Bewegungsübung durchgeführt wird, die das Bewusstsein des Kindes so an den Leib bindet, dass es für etwa zehn Minuten nicht das malt, was ihm zufällig gerade einfällt, sondern die „Urbilder“, die auf dem Grund der Seele liegen. So können dann im Haus z.B. motorische Probleme oder Wahrnehmungsstörungen sichtbar werden, im Baum Hinweise auf Atmung im weiteren Sinne (auch den cranio-sakralen Puls) usw. Es ist immer wieder interessant, die Mensch-Haus-Baum Bilder mit anderen Bildern zu vergleichen, bei denen das Kind unter normalen Bedingungen gleiche Motive gemalt hat. So entsprechen die M-H-B-Bilder manchmal nicht der Art, wie die Kinder sonst malen, da sie nach der Vorübung jetzt ein spezielles Problem ausdrücken. In dem Buch „Reading Childrens Drawings“ zeigt McAllen eine Reihe von typischen Motiven und Farbanordnungen auf, die Hinweise geben, wo die grundlegenden Probleme des Kindes liegen.

Der Blumenstab
Der Blumenstab macht urbildhaft das Verhältnis von Innen- und Außenwelt deutlich.

Der Seitigkeitstest
Der Seitigkeitstest muss deutlich von einem Dominanztest unterschieden werden die Dominanzen der Hand, der Füße usw. müssen extra getestet werden, da sie nicht unbedingt den Ergebnissen des Seitigkeitstestes entsprechen. Vielmehr zeigt er die Beziehung des Menschen zum Raum bzw. zur Fläche. So können grundlegende Bewegungsmuster sichtbar werden wie z.B. symmetrische Bewegungen oder ein Bewegungsansatz, der nicht aus der Persönlichkeit heraus gesteuert wird. Auch die Sicherheit in der räumlichen Orientierung (als Grundlage der Sicherheit für schulische Anforderungen) wird sichtbar. Sie gibt zusätzlich einen Hinweis auf die Integration des Bewegungssinnes mit dem Gleichgewichtssinn.

 

Die Übungen der Extrastunde

Die Übungen der Extrastunde sind darauf angelegt, dass der Schüler aus seiner Persönlichkeit heraus Herrschaft über grundlegende Prozesse...
... Sicherheit in der räumlichen Orientierung findet.
Streck- und Leichtegebärde
So kann man immer wieder erleben, wie sich durch die Extrastunde nicht nur das Lernverhalten verbessert, sondern die Persönlichkeit stabilisiert, manchmal schon, bevor es in Lernerfolgen sichtbar wird.

Die Bodenübungen
Die Auseinandersetzung mit unreifen Bewegungsmustern sind so etwas wie die Basis für das Vorgehen. Wenn die Bewegungsorganisation in kleinkindlichen Bewegungsmustern gefangen ist, ist es für die Persönlichkeit des Kindes schwer, ein altersgemäßes Lernverhalten zu entwickeln. Durch Übungen am Boden wird das grundlegende Ergreifen des Leibes gestärkt.

Die Kupferkugelübung
Die Kupferkugelübung gehört zu den grundlegenden Übungen der Extrastunde. Sie harmonisiert die Verhältnisse von oben und unten, links und rechts. Gleichzeitig wirkt sie harmonisierend auf den Atem und damit auf alle Körperrhythmen.



Ernst Westermeier

 

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